Praxis-LeitfädenFortgeschritten

Kabelquerschnitt richtig wählen

Schritt-für-Schritt Anleitung zur normgerechten Kabelquerschnittsauswahl nach DIN VDE 0298-4 und DIN VDE 0100-520.

📖 12 Min. Lesezeit📅 Aktualisiert: 2026-02-04

Formelübersicht

Strombelastbarkeit reduziertI_z = I_r × f_1 × f_2 × f_3

Reduzierte Strombelastbarkeit mit Korrekturfaktoren

I_z=Zulässiger StromI_r=Tabellenwertf_1=Temperaturf_2=Häufungf_3=Verlegeart
SpannungsfallΔU = (2 × L × I × cos φ) / (κ × A)

Spannungsfall bei Einphasenwechselstrom

ΔU=Spannungsfall in VL=Leitungslänge in mκ=Leitfähigkeit (56 für Cu)A=Querschnitt in mm²

Einführung

Die korrekte Auswahl des Kabelquerschnitts ist eine der wichtigsten Aufgaben bei der Elektroinstallation. Ein zu kleiner Querschnitt führt zu Überhitzung und Brandgefahr, ein zu großer Querschnitt ist unwirtschaftlich.

Diese Anleitung zeigt Ihnen, wie Sie systematisch den richtigen Querschnitt nach VDE-Normen ermitteln – von der Strombelastbarkeit über Korrekturfaktoren bis zur Spannungsfallprüfung.

Die drei Kriterien der Querschnittsauswahl

1. Strombelastbarkeit

Der Leiterquerschnitt muss den maximalen Betriebsstrom dauerhaft führen können, ohne die zulässige Temperatur zu überschreiten.

Relevante Norm: DIN VDE 0298-4

2. Überstromschutz

Der Querschnitt muss mit der vorgeschalteten Schutzeinrichtung koordiniert sein:

  • I_B ≤ I_N ≤ I_Z (Belastungsstrom ≤ Nennstrom Sicherung ≤ zulässiger Strom)
  • I_2 ≤ 1,45 × I_Z (Auslösestrom ≤ 1,45 × zulässiger Strom)

Relevante Norm: DIN VDE 0100-430

3. Spannungsfall

Der Spannungsfall am Verbraucher darf nicht zu groß sein (typisch max. 3% für Steckdosen, 4% für andere Anlagen):

Relevante Norm: DIN VDE 0100-520

Verlegearten nach VDE

Die Strombelastbarkeit hängt stark von der Verlegeart ab:

BezeichnungBeschreibungBeispiel
A1Im Wärmedämm-VerbundsystemUP-Dose in Dämmung
A2In Rohr auf/in WärmedämmungLeerrohr in WDVS
B1Direkt auf/in Wand (Einzelader)NYM auf Mauerwerk
B2In InstallationsrohrNYM in HT-Rohr
CDirekt in der ErdeNYY erdverlegt
EMehraderkabel freihängendNYM an Kabelprische

Korrekturfaktoren

Temperaturkorrektur

Bei Umgebungstemperaturen ≠ 25°C (30°C bei Erdverlegung) sind Korrekturfaktoren anzuwenden:

  • 30°C: 0,94
  • 35°C: 0,87
  • 40°C: 0,79
  • 45°C: 0,71

Häufungsfaktor

Bei mehreren nebeneinander verlegten Kabeln:

  • 2 Kabel: 0,80
  • 3 Kabel: 0,70
  • 4-6 Kabel: 0,60
  • 7-9 Kabel: 0,50

Schritt-für-Schritt

  1. 1Ermitteln Sie den Bemessungsstrom (I_B) des Verbrauchers
  2. 2Bestimmen Sie die Verlegeart nach VDE (A1, B1, C, E etc.)
  3. 3Lesen Sie die Strombelastbarkeit aus der Tabelle ab
  4. 4Wenden Sie Korrekturfaktoren an (Temperatur, Häufung)
  5. 5Wählen Sie den Nennstrom der Sicherung (I_N ≥ I_B)
  6. 6Prüfen Sie: I_N ≤ I_Z (korrigierte Strombelastbarkeit)
  7. 7Berechnen Sie den Spannungsfall und vergleichen mit Grenzwert
  8. 8Wählen Sie den nächstgrößeren Normquerschnitt, falls nötig

Praktische Beispiele

1

Steckdosenkreis dimensionieren

Aufgabe

Ein Steckdosenkreis wird mit B16 abgesichert. NYM-J wird in Leerrohr auf Putz verlegt (Verlegeart B2). Welcher Querschnitt ist erforderlich?

Lösung

  1. 1Bemessungsstrom: I_N = 16 A (B16 LS)
  2. 2Verlegeart B2: Aus Tabelle für 3-adriges Kabel
  3. 31,5 mm² → I_z = 17,5 A
  4. 42,5 mm² → I_z = 24 A
  5. 5Bedingung: I_N ≤ I_z → 16 ≤ 17,5 ✓
  6. 61,5 mm² ist rechnerisch ausreichend
  7. 7Praxis: 2,5 mm² für Reserve und Mechanik

Mindestens 1,5 mm², empfohlen 2,5 mm² für Steckdosenkreise.

2

E-Herd-Anschluss

Aufgabe

Ein E-Herd (8 kW, Drehstrom) wird mit 32 A abgesichert. Verlegeart B1, 15 m Leitungslänge. Querschnitt?

Lösung

  1. 1Bemessungsstrom: I = P / (√3 × U × cos φ) = 8000 / (1,73 × 400 × 0,95) ≈ 12,2 A
  2. 2Absicherung 32 A → I_z muss ≥ 32 A sein
  3. 3Verlegeart B1, Tabellenwert für 5-adriges Kabel:
  4. 44 mm² → I_z = 32 A (genau)
  5. 56 mm² → I_z = 41 A (Reserve)
  6. 6Spannungsfall bei 4 mm²: ΔU ≈ 0,8% < 4% ✓

4 mm² ist normgerecht ausreichend, 6 mm² bietet Reserve.

3

Kabel in Wärmedämmung

Aufgabe

Ein Kabel wird unter Wärmedämmung verlegt (A2). Umgebung 35°C, 3 parallele Leitungen. Welche Reduktion?

Lösung

  1. 1Temperaturkorrekturfaktor bei 35°C: f_1 = 0,87
  2. 2Häufungsfaktor bei 3 Kabeln: f_2 = 0,70
  3. 3Gesamtfaktor: f_ges = 0,87 × 0,70 = 0,609
  4. 4Reduktion auf etwa 61% des Tabellenwertes!
  5. 5Bei I_r = 24 A (2,5 mm², A2): I_z = 24 × 0,609 = 14,6 A
  6. 6D.h. statt 2,5 mm² wird 4 mm² benötigt

Korrekturfaktoren können den erforderlichen Querschnitt deutlich erhöhen.

Normative Grundlagen

DIN VDE 0298-4: Verwendung von Kabeln und isolierten Leitungen für Starkstromanlagen – Teil 4: Empfohlene Werte für die Strombelastbarkeit

DIN VDE 0100-520: Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 5-52: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel – Kabel- und Leitungsanlagen

DIN VDE 0100-430: Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 4-43: Schutzmaßnahmen – Schutz bei Überstrom

⚠️Häufige Fehler vermeiden

  • Korrekturfaktoren vergessen – kann zu Überlastung führen!
  • Falsche Verlegeart annehmen – UP in Wärmedämmung ≠ normale UP-Installation
  • Spannungsfall nicht prüfen – bei langen Leitungen oft limitierend
  • 3-adrig und 5-adrig verwechseln – unterschiedliche Tabellenwerte!
  • Absicherung zu hoch wählen – „Reserve" führt zu gefährlichem Zustand

📋Zusammenfassung

Die Kabelquerschnittsauswahl erfolgt in drei Schritten:

1. Strombelastbarkeit nach DIN VDE 0298-4

  • Verlegeart bestimmen
  • Tabellenwert ablesen
  • Korrekturfaktoren anwenden

2. Überstromschutz nach DIN VDE 0100-430

  • I_B ≤ I_N ≤ I_Z
  • Schutzorgan koordinieren

3. Spannungsfall nach DIN VDE 0100-520

  • Max. 3% für Steckdosen
  • Max. 4% für sonstige

Der größere Wert aus allen drei Kriterien bestimmt den endgültigen Querschnitt.

Häufig gestellte Fragen

1,5 mm² wäre rechnerisch für B16 oft ausreichend. Die Praxis verwendet 2,5 mm² wegen: 1) Reserve bei späteren Erweiterungen, 2) geringerer Spannungsfall, 3) bessere mechanische Belastbarkeit, 4) weniger Erwärmung bei Dauerlast. Die DIN 18015-2 empfiehlt für Wohnungen ebenfalls 2,5 mm².

Kabelquerschnitte sind genormt (1,5 - 2,5 - 4 - 6 - 10 - 16 - 25 mm² usw.). Bei einem errechneten Wert von z.B. 3,2 mm² wählt man immer den nächstgrößeren Normquerschnitt, also 4 mm².

Nein, Aluminium hat eine geringere Leitfähigkeit (ca. 35 gegen 56 für Kupfer). Die DIN VDE 0298-4 enthält separate Tabellen. Bei gleichem Strom benötigt Aluminium etwa 1,6-fach größeren Querschnitt.

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