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DIN VDE 0100-410: Schutz gegen elektrischen Schlag

Die wichtigsten Anforderungen der VDE 0100-410 für Basisschutz und Fehlerschutz verständlich erklärt.

📖 14 Min. Lesezeit📅 Aktualisiert: 2026-02-04

Formelübersicht

Abschaltzeit Endstromkreiset_a ≤ 0,4 s (bei 230 V AC)

Maximale Abschaltzeit bei Körperschluss

AbschaltbedingungZ_s × I_a ≤ U₀

Schleifenimpedanz muss sicheren Abschaltstrom ermöglichen

Z_s=Schleifenimpedanz in ΩI_a=Abschaltstrom der SchutzeinrichtungU₀=Nennspannung gegen Erde

Einführung

Die DIN VDE 0100-410 ist eine der wichtigsten Normen für Elektroinstallateure. Sie definiert den Schutz von Personen gegen elektrischen Schlag in Niederspannungsanlagen.

Die Norm unterscheidet zwischen Basisschutz (Schutz gegen direktes Berühren aktiver Teile) und Fehlerschutz (Schutz im Fehlerfall, wenn ein Körper unter Spannung steht). Beide zusammen bilden den vollständigen Schutz nach VDE.

Die zwei Säulen des Schutzes

1. Basisschutz (Schutz gegen direktes Berühren)

Verhindert das Berühren aktiver, unter Spannung stehender Teile.

Maßnahmen:

  • Isolierung aktiver Teile
  • Abdeckungen und Umhüllungen (IP-Schutz)
  • Hindernisse (nur unter bestimmten Bedingungen)
  • Abstand (nur in besonderen Anlagen)

2. Fehlerschutz (Schutz bei indirektem Berühren)

Schützt, wenn ein normalerweise nicht aktiver Teil (z.B. Gehäuse) fehlerhaft unter Spannung steht.

Maßnahmen:

  • Automatische Abschaltung der Stromversorgung
  • Schutzisolierung (Schutzklasse II)
  • Potentialausgleich
  • Schutztrennung
  • Schutzkleinspannung (SELV, PELV)

Automatische Abschaltung

Die häufigste Fehlerschutzmaßnahme ist die automatische Abschaltung bei einem Körperschluss.

Abschaltzeiten nach VDE 0100-410

Nennspannung U₀TN-SystemTT-System
120 V0,8 s0,3 s
230 V0,4 s0,2 s
400 V0,2 s0,07 s
> 400 V0,1 s0,04 s

Für Verteilstromkreise: 5 s erlaubt, wenn zusätzlicher Schutzpotentialausgleich vorhanden.

Die Abschaltbedingung

Damit die Schutzeinrichtung rechtzeitig auslöst, muss genug Fehlerstrom fließen:

Z_s × I_a ≤ U₀

Umgestellt: I_k = U₀ / Z_s ≥ I_a

Das bedeutet: Der verfügbare Kurzschlussstrom muss größer sein als der Auslösestrom der Schutzeinrichtung.

Maximal zulässige Schleifenimpedanz

LS-SchalterI_a (5×I_n)Max. Z_s bei 230 V
B630 A7,67 Ω
B1050 A4,60 Ω
B1365 A3,54 Ω
B1680 A2,88 Ω
C16160 A1,44 Ω

RCD-Pflicht nach VDE 0100-410

Seit 2009 ist RCD-Schutz (≤ 30 mA) vorgeschrieben für:

  • Steckdosen bis einschließlich 32 A in Hausinstallationen
  • Steckdosen im Außenbereich
  • Steckdosen in Räumen mit Badewanne oder Dusche
  • Baustellen, Landwirtschaft, Campingplätze

Schritt-für-Schritt

  1. 1Schutzmaßnahme festlegen (meist: automatische Abschaltung)
  2. 2Schutzeinrichtung dimensionieren (LS-Schalter, RCD)
  3. 3Schleifenimpedanz messen oder berechnen
  4. 4Abschaltbedingung nachweisen: I_k ≥ I_a
  5. 5RCD-Pflicht prüfen (Steckdosen ≤ 32 A)
  6. 6Prüfprotokoll erstellen

Praktische Beispiele

1

Abschaltbedingung prüfen

Aufgabe

Ein B16-Automat schützt einen Steckdosenkreis. Die gemessene Schleifenimpedanz beträgt 1,5 Ω. Ist die Abschaltbedingung erfüllt?

Lösung

  1. 1B16: Magnetische Auslösung bei I_a = 5 × 16 A = 80 A
  2. 2Verfügbarer Kurzschlussstrom: I_k = U₀ / Z_s = 230 V / 1,5 Ω = 153 A
  3. 3Prüfung: I_k ≥ I_a → 153 A ≥ 80 A ✓
  4. 4Maximale Schleifenimpedanz für B16: 230/80 = 2,88 Ω
  5. 51,5 Ω < 2,88 Ω ✓

Die Abschaltbedingung ist erfüllt. Der LS schaltet in < 0,4 s ab.

2

RCD als Zusatzschutz

Aufgabe

Eine 25 m lange Leitung hat 3,5 Ω Schleifenimpedanz. Der B16-Automat würde nicht sicher auslösen. Welche Lösung?

Lösung

  1. 1I_k = 230 / 3,5 = 65,7 A
  2. 2B16 benötigt 80 A → Abschaltbedingung nicht erfüllt!
  3. 3Lösungsmöglichkeiten:
  4. 41. Größeren Querschnitt wählen (Z_s sinkt)
  5. 52. RCD 30 mA einsetzen (löst bei ca. 15-30 mA aus)
  6. 6RCD ist wartungsärmer und oft günstiger

Ein 30 mA RCD ergänzt den Überstromschutz und stellt die Abschaltung sicher.

Normative Grundlagen

DIN VDE 0100-410:2018-10: Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 4-41: Schutzmaßnahmen – Schutz gegen elektrischen Schlag

Die Norm ist harmonisiert mit HD 60364-4-41 und gilt für alle Niederspannungsanlagen.

Wichtige Änderungen der aktuellen Fassung:

  • RCD-Pflicht für alle Laien-Steckdosen ≤ 32 A
  • Erweiterte Anforderungen für Beleuchtungsstromkreise
  • Zusätzlicher Schutz als dritte Säule neben Basis- und Fehlerschutz

⚠️Häufige Fehler vermeiden

  • Abschaltbedingung nicht nachgewiesen – nur Sicherung eingebaut reicht nicht
  • RCD-Pflicht für Steckdosen missachtet
  • Schleifenimpedanz nicht gemessen, sondern geschätzt
  • Bei C-Charakteristik die höheren Anforderungen an Z_s übersehen
  • Verteilstromkreise mit Endstromkreis-Abschaltzeiten bemessen

📋Zusammenfassung

VDE 0100-410 definiert den Schutz gegen elektrischen Schlag:

Basisschutz: Isolierung, Abdeckungen, IP-Schutz Fehlerschutz: Automatische Abschaltung, Schutzisolierung, SELV/PELV

Abschaltbedingung:

  • Z_s × I_a ≤ U₀
  • Max. 0,4 s bei 230 V in Endstromkreisen

RCD-Pflicht (≤ 30 mA):

  • Alle Steckdosen ≤ 32 A
  • Außenbereiche, Bäder, Baustellen

Häufig gestellte Fragen

Pflicht: Steckdosen ≤ 32 A für Laien, Außenbereiche, Bäder, Baustellen, Landwirtschaft. Empfohlen: Alle übrigen Stromkreise, da er als zusätzlicher Schutz die Abschaltbedingung auch bei ungünstigen Schleifenimpedanzen erfüllt.

Basisschutz verhindert das Berühren aktiver Teile im Normalbetrieb. Zusatzschutz (z.B. 30 mA RCD) ist eine ergänzende Maßnahme, die bei Versagen von Basis- oder Fehlerschutz noch Schutz bietet – etwa wenn jemand trotz Isolierung einen Draht berührt.

Ja, bei der Erstprüfung nach VDE 0100-600 und bei wiederkehrenden Prüfungen (VDE 0105-100) ist die Messung der Schleifenimpedanz Pflicht. Nur so kann die Wirksamkeit der Schutzmaßnahme nachgewiesen werden.

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