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DIN VDE 0100-520: Kabel- und Leitungsanlagen

Auswahl und Errichtung von Kabel- und Leitungsanlagen nach VDE – Verlegearten, Querschnitte und Spannungsfall.

📖 13 Min. Lesezeit📅 Aktualisiert: 2026-02-04

Formelübersicht

SpannungsfallΔU/U ≤ 4% (3% Beleuchtung)

Grenzwert zwischen Hausanschluss und Verbrauchsmittel

Einführung

Die DIN VDE 0100-520 „Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel – Kabel- und Leitungsanlagen" ist eine der wichtigsten Normen für die praktische Elektroinstallation. Sie regelt, wie Kabel und Leitungen ausgewählt, verlegt und dimensioniert werden müssen.

Die aktuelle Fassung (2023-06) enthält wesentliche Änderungen zur Bauproduktenverordnung (CPR), zum Spannungsfall und zur Klassifizierung von Installationsrohren.

Diese Norm sollte jeder Elektroinstallateur kennen – sie beantwortet die täglichen Fragen nach Querschnitt, Verlegeart und Belastbarkeit.

Anwendungsbereich

Die Norm gilt für feste Kabel- und Leitungsanlagen in Niederspannungsanlagen (bis 1000 V AC / 1500 V DC). Sie legt fest:

  • Auswahl der Leitungsart nach Einsatzbedingungen
  • Verlegearten und deren Kennzeichnung
  • Strombelastbarkeit nach Verlegeart
  • Spannungsfall-Grenzwerte
  • Brandschutzanforderungen
  • Biegeradien und mechanische Belastung

Verlegearten nach VDE

Die Verlegeart bestimmt die zulässige Strombelastbarkeit eines Kabels grundlegend.

ReferenzBeschreibungBeispiel
A1Mehradrige Leitung in Rohr, wärmegedämmtIsolierrohr in Dämmschicht
A2Einadrige Leitungen in Rohr, wärmegedämmtEinzeladern in Dämmschicht
B1Mehradrige Leitung in Rohr auf WandNYM in Leerrohr auf Putz
B2Einadrige Leitungen in Rohr auf WandEinzeladern in Rohr auf Putz
CLeitung direkt auf Wand oder DeckeNYM-J auf Putz befestigt
D1Leitung in Erde ohne SchutzrohrNYY direkt im Erdreich
D2Leitung in Erde mit SchutzrohrNYY in Kabelschutzrohr
EMehradrige Leitung frei in LuftNYM auf Kabeltrasse
FEinadrige Leitungen frei in Luft mit AbstandEinzeladern auf Isolatoren
GEinadrige Leitungen frei in Luft, berührendEinzeladern gebündelt

Merke: Je besser die Wärmeabfuhr, desto höher die zulässige Strombelastbarkeit!

Spannungsfall

Die Norm begrenzt den Spannungsfall zwischen Hausanschluss und Verbrauchsmittel:

AnwendungMaximaler Spannungsfall
Beleuchtung3% der Nennspannung
Andere Verbraucher5% der Nennspannung
Allgemein (Empfehlung)≤ 4% der Nennspannung

Bei 230 V bedeutet das:

  • 3% = 6,9 V (Beleuchtung)
  • 4% = 9,2 V (allgemein)
  • 5% = 11,5 V (sonstige)

Hinweis: In Industrieanlagen kann die Netzebene eigene Spannungsfall-Grenzen haben (TAB).

Querschnittsermittlung

Der Leiterquerschnitt muss ausreichend sein für:

  1. Strombelastbarkeit (thermische Belastung)
  2. Kurzschlussfestigkeit (thermische Beständigkeit)
  3. Spannungsfall (Betriebsspannung am Verbraucher)
  4. Schutzfunktion (Abschaltbedingung erfüllt)

Der größte erforderliche Querschnitt bestimmt die Auswahl!

Korrekturfaktoren

Die Tabellenwerte für Strombelastbarkeit gelten für Standardbedingungen. Bei Abweichungen:

Umgebungstemperatur (Referenz: 25°C in Luft, 20°C in Erde)

TemperaturFaktor (PVC)Faktor (VPE/EPR)
10°C1,221,15
15°C1,171,12
20°C1,121,08
25°C1,001,00
30°C0,940,96
35°C0,870,91
40°C0,790,87
45°C0,710,82
50°C0,610,76

Häufung (mehrere Kabel nebeneinander)

Anzahl KabelAbstand = 0 (berührend)Abstand ≥ 2d
11,001,00
20,800,90
30,700,80
40,650,75
60,570,70
90,500,65

Biegeradien

Die Norm definiert Mindest-Biegeradien für Kabel:

KabeltypMindest-Biegeradius
NYM, starr6 × Außendurchmesser
NYY, flexible8 × Außendurchmesser
Kabel mit Schirm8 × Außendurchmesser
Starkstromkabel > 25 mm²12 × Außendurchmesser

Bei zu engen Biegeradien: Gefahr von Isolationsschäden!

Brandschutz (CPR/BauPVO)

Seit 2023-06 enthält die Norm Anforderungen nach der Bauproduktenverordnung (EU) Nr. 305/2011:

KlassifizierungBrandverhaltenTypische Anwendung
A_caNicht brennbar
B1_caSehr geringe BrandausbreitungFluchtwege
B2_caGeringe BrandausbreitungÖffentliche Gebäude
C_caBegrenzte Brandausbreitung
D_caEin Beitrag zum BrandNormale Anwendung
E_caHoher Beitrag zum BrandNur außerhalb Gebäude
F_caNicht klassifiziert

Zusatzkennzeichnungen: s (Rauchentwicklung), d (brennendes Abtropfen), a (Säuregehalt)

Schritt-für-Schritt

  1. 1Umgebungsbedingungen analysieren (Temperatur, Feuchtigkeit, mechanische Belastung)
  2. 2Verlegeart festlegen (A1, B1, C, E, etc.)
  3. 3Erforderlichen Bemessungsstrom ermitteln
  4. 4Tabellenwert für Strombelastbarkeit nachschlagen
  5. 5Korrekturfaktoren anwenden (Häufung, Temperatur)
  6. 6Spannungsfall berechnen und prüfen (≤ 3-5%)
  7. 7Schutzfunktion prüfen (Abschaltbedingung)
  8. 8Den größten erforderlichen Querschnitt wählen
  9. 9Biegeradien und mechanischen Schutz beachten

Praktische Beispiele

1

Querschnitt für Steckdose

Aufgabe

Eine Unterverteilung versorgt 6 Steckdosen-Stromkreise je 16 A. Verlegeart B1 (NYM in Rohr auf Wand), 3 Kabel nebeneinander.

Lösung

  1. 1Bemessungsstrom: I_B = 16 A
  2. 2Tabellenwert B1, NYM 3×1,5 mm²: I_z = 17,5 A
  3. 3Häufungsfaktor (3 Kabel berührend): f = 0,70
  4. 4Korrigierte Belastbarkeit: 17,5 × 0,70 = 12,3 A < 16 A ✗
  5. 5Nächster Querschnitt: NYM 3×2,5 mm²: I_z = 24 A
  6. 6Korrigiert: 24 × 0,70 = 16,8 A > 16 A ✓

Bei Häufung muss statt 1,5 mm² mindestens 2,5 mm² verwendet werden.

2

Spannungsfall prüfen

Aufgabe

Ein NYM-J 3×2,5 mm² versorgt eine 3 kW Heizung über 25 m. Spannung 230 V.

Lösung

  1. 1Strom: I = P / U = 3000 / 230 = 13 A
  2. 2Spannungsfall: ΔU = 2 × L × I × ρ / A
  3. 3Mit ρ_Cu = 0,0175 Ω·mm²/m:
  4. 4ΔU = 2 × 25 × 13 × 0,0175 / 2,5 = 4,55 V
  5. 5Prozentual: 4,55 / 230 × 100 = 2,0%
  6. 62,0% < 4% ✓ (unter der allgemeinen Grenze)

Der Spannungsfall von 2% ist akzeptabel.

3

Verlegeart in Dämmung

Aufgabe

Eine NYM-Leitung soll durch 8 cm Wärmedämmung verlegt werden. Welche Verlegeart?

Lösung

  1. 1Verlegung in Wärmedämmung → Verlegeart A1 oder A2
  2. 2A1 ist die schlechteste Wärmeabfuhr
  3. 3Beispiel: NYM 3×1,5 mm² bei A1 = nur 14,5 A statt 17,5 A (B1)
  4. 4Reduzierung um ca. 17%
  5. 5Alternative: Leitung im Leerrohr mit Luftspalt verlegen (→ B1)

Verlegeart A1 mit deutlich reduzierter Strombelastbarkeit.

Normative Grundlagen

DIN VDE 0100-520:2023-06: Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 5-52: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel – Kabel- und Leitungsanlagen

Ablöst: DIN VDE 0100-520:2013-06

Wesentliche Änderungen 2023:

  • Anforderungen aus der Bauproduktenverordnung (CPR) zum Brandverhalten
  • Überarbeitung der Biegeradien insbesondere für NYM
  • Klassifizierungstabelle für Elektroinstallationsrohre
  • Präzisierung Spannungsfall-Grenzwerte
  • Gebäudestruktur-Anforderungen ergänzt

Zusammenhängende Normen:

  • DIN VDE 0298-4: Strombelastbarkeitstabellen
  • DIN VDE 0100-410: Schutz gegen elektrischen Schlag
  • DIN VDE 0100-530: Schalt- und Steuergeräte

⚠️Häufige Fehler vermeiden

  • Häufungsfaktor bei mehreren Kabeln im Rohr vergessen → Überlastung
  • Umgebungstemperatur in Dachgeschossen unterschätzt (>40°C)
  • Verlegeart A1 (Dämmung) mit Tabellenwerten für B1 dimensioniert
  • Biegeradius zu eng → Isolationsschäden
  • Spannungsfall nur bis UV gerechnet, nicht bis zum Verbraucher

📋Zusammenfassung

VDE 0100-520 – Kabel- und Leitungsanlagen:

Spannungsfall-Grenzen:

  • Beleuchtung: 3%
  • Andere Verbraucher: 5%
  • Allgemein empfohlen: ≤ 4%

Querschnittsermittlung:

  1. Strombelastbarkeit (Tabelle + Korrekturfaktoren)
  2. Spannungsfall
  3. Schutzfunktion → Größter Wert bestimmt!

Wichtige Korrekturfaktoren:

  • Umgebungstemperatur (Referenz 25°C)
  • Häufung (mehrere Kabel nebeneinander)

Biegeradien: 6-12 × Außendurchmesser

Häufig gestellte Fragen

4% zwischen Hausanschluss und Verbrauchsmittel ist die allgemeine Empfehlung. Für Beleuchtung gilt 3% (wegen Helligkeitsschwankungen). Bei reinen Steckdosen können bis zu 5% akzeptabel sein. Die TAB des Netzbetreibers kann strengere Werte fordern.

B1 bedeutet: Mehradrige Leitung (z.B. NYM) in einem geschlossenen Kanal oder Rohr auf einer Wand. Die Wärme kann nach außen entweichen, daher bessere Belastbarkeit als A1 (in Dämmung). Die Tabellenwerte für B1 sind Standardwerte für normale Hausinstallation.

Technisch begrenzt durch den Rohrquerschnitt (max. 40% Füllung). Elektrisch müssen Sie den Häufungsfaktor anwenden: Bei 4 berührenden Kabeln nur noch 65% der Einzelbelastbarkeit. Entweder dickeren Querschnitt wählen oder Kabel auf mehrere Rohre verteilen.

Verlegeart A1 (schlechteste Wärmeabfuhr) anwenden. Die Strombelastbarkeit sinkt erheblich – bei NYM 3×1,5 von 17,5 A (B1) auf 14,5 A (A1). Besser: Leitung in Leerrohr mit Luftspalt verlegen oder dickeren Querschnitt wählen.

VDE 0100-520VerlegeartStrombelastbarkeitSpannungsfallBiegeradiusHäufungsfaktorKabelNYM