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DIN VDE 0100 Übersicht

Überblick über die wichtigste Normenreihe für elektrische Anlagen: DIN VDE 0100 – Errichten von Niederspannungsanlagen.

📖 15 Min. Lesezeit📅 Aktualisiert: 2026-02-04

Einführung

Die DIN VDE 0100 ist die zentrale Normenreihe für das Errichten von Niederspannungsanlagen in Deutschland. Sie ist die nationale Umsetzung der internationalen IEC 60364 und regelt den Schutz von Personen, Nutztieren und Sachwerten vor elektrischen Gefahren.

Für jeden Elektrofachmann ist die Kenntnis dieser Norm unverzichtbar – sie bildet die Grundlage für die Planung, Errichtung und Prüfung elektrischer Anlagen.

Aufbau der Normenreihe

Die DIN VDE 0100 ist in thematische Gruppen unterteilt:

Gruppe 1: Anwendungsbereich, Zweck und Grundsätze (Teil 100)

Allgemeine Grundlagen und Definitionen

Gruppe 4: Schutzmaßnahmen (Teile 410-443)

  • Teil 410: Schutz gegen elektrischen Schlag
  • Teil 420: Schutz gegen thermische Auswirkungen
  • Teil 430: Schutz bei Überstrom
  • Teil 442: Schutz bei Störspannungen und EMV
  • Teil 443: Schutz bei Überspannungen atmosphärischen Ursprungs

Gruppe 5: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel (Teile 510-560)

  • Teil 510: Allgemeine Bestimmungen
  • Teil 520: Kabel- und Leitungsanlagen
  • Teil 530: Schalt- und Steuergeräte
  • Teil 534: Überspannungs-Schutzeinrichtungen
  • Teil 540: Erdungsanlagen und Schutzleiter
  • Teil 551: Niederspannungserzeugende Anlagen
  • Teil 560: Sicherheitsstromversorgung

Gruppe 6: Prüfungen (Teil 600)

  • Teil 600: Prüfungen (Erstprüfung, wiederkehrende Prüfungen)

Gruppe 7: Besondere Anlagen und Räume (Teile 701-740)

  • Teil 701: Räume mit Badewanne oder Dusche
  • Teil 702: Schwimmbecken
  • Teil 704: Baustellen
  • Teil 705: Landwirtschaftliche Betriebe
  • Teil 710: Medizinisch genutzte Bereiche
  • Teil 722: EV-Ladestationen
  • Teil 737: Feuchte und nasse Bereiche

Wichtige Schutzkonzepte

Basisschutz (Schutz gegen direktes Berühren)

Verhinderung des Kontakts mit aktiven Teilen durch:

  • Isolierung
  • Abdeckungen/Umhüllungen (IP-Schutz)
  • Hindernisse
  • Abstand

Fehlerschutz (Schutz bei indirektem Berühren)

Schutz bei Isolationsfehlern durch:

  • Schutzerdung mit automatischer Abschaltung
  • Schutzisolierung (Schutzklasse II)
  • Schutztrennung
  • Schutzkleinspannung (SELV/PELV)

Schritt-für-Schritt

  1. 1Identifizieren Sie die Art der Anlage und den Anwendungsbereich
  2. 2Bestimmen Sie die relevanten Teile der DIN VDE 0100
  3. 3Prüfen Sie die Schutzmaßnahmem nach Teil 410
  4. 4Dimensionieren Sie Leitungen nach Teil 520 und 430
  5. 5Wählen Sie Betriebsmittel nach der Gruppe 5
  6. 6Planen Sie die Erstprüfung nach Teil 600

Praktische Beispiele

1

Wohnungsinstallation planen

Aufgabe

Welche Teile der DIN VDE 0100 sind für eine Wohnungsinstallation relevant?

Lösung

  1. 1Teil 410: Schutzmaßnahmen gegen elektrischen Schlag
  2. 2Teil 430: Überstromschutz für die Absicherung
  3. 3Teil 520: Auswahl der Kabel und Leitungen
  4. 4Teil 701: Besondere Anforderungen für das Bad
  5. 5Teil 600: Erstprüfung der fertigen Anlage

Diese fünf Normteile bilden die Grundlage für eine normgerechte Wohnungsinstallation.

2

Abschaltbedingung prüfen

Aufgabe

In einem TN-System soll geprüft werden, ob die Abschaltzeit von 0,4 s eingehalten wird.

Lösung

  1. 1Nach DIN VDE 0100-410 muss I_a × Z_s ≤ U₀ sein
  2. 2Z_s = Schleifenimpedanz (gemessen)
  3. 3I_a = Abschaltstrom der Schutzeinrichtung
  4. 4U₀ = Nennspannung gegen Erde (230 V)
  5. 5Beispiel: LS B16 → I_a = 80 A → Z_s_max = 230/80 = 2,88 Ω

Die gemessene Schleifenimpedanz muss unter 2,88 Ω liegen.

Normative Grundlagen

Die DIN VDE 0100 ist die nationale Umsetzung von:

  • IEC 60364: Internationale Norm für elektrische Anlagen in Gebäuden
  • HD 60364: Europäisches Harmonisierungsdokument

Weitere relevante Normen:

  • DIN 18015: Elektrische Anlagen in Wohngebäuden
  • DIN VDE 0298-4: Strombelastbarkeit von Kabeln
  • DIN VDE 0105-100: Betrieb von elektrischen Anlagen

⚠️Häufige Fehler vermeiden

  • Veraltete Normausgaben verwenden – Normen werden regelmäßig aktualisiert
  • Besondere Anforderungen für spezielle Räume (Bad, Außenbereich) vergessen
  • Erstprüfung nach Teil 600 nicht dokumentieren
  • Nationale Abweichungen der DIN VDE zu IEC nicht beachten

📋Zusammenfassung

Die DIN VDE 0100 regelt alle Aspekte von Niederspannungsanlagen:

Kernbereiche:

  • Schutzmaßnahmen (Gruppe 4): Personenschutz, Überstrom, Überspannung
  • Betriebsmittel (Gruppe 5): Kabel, Schalter, Erdung
  • Prüfung (Teil 600): Erstprüfung, wiederkehrende Prüfung
  • Besondere Bereiche (Gruppe 7): Bad, Außenbereich, Medizin

Die Einhaltung der DIN VDE 0100 ist in Deutschland nicht direkt gesetzlich vorgeschrieben, gilt aber als "anerkannte Regel der Technik" und ist damit de facto verbindlich.

Häufig gestellte Fragen

Nein, Normen sind formal keine Gesetze. Jedoch gelten sie als "anerkannte Regeln der Technik" und sind damit de facto verbindlich. Bei Unfällen oder Schäden wird immer geprüft, ob die einschlägigen Normen eingehalten wurden.

Die einzelnen Teile werden unabhängig voneinander aktualisiert, typischerweise alle 5-10 Jahre. Wichtig ist, immer die aktuell gültige Ausgabe zu verwenden. Der VDE-Verlag bietet Abonnements für Normenaktualisierungen an.

Die DIN VDE 0100 regelt die Sicherheit elektrischer Anlagen. Die DIN 18015 definiert die Ausstattung von Wohngebäuden (Anzahl Steckdosen, empfohlene Stromkreise etc.). Beide Normen ergänzen sich.

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