Grundlagen-TutorialsFortgeschritten

Blindleistungskompensation

Leistungsfaktor verbessern durch Kompensation – Berechnung, Anlagentypen und Wirtschaftlichkeit.

📖 12 Min. Lesezeit📅 Aktualisiert: 2026-02-04

Formelübersicht

Erforderliche KompensationsleistungQ_C = P × (tan φ₁ - tan φ₂)

Blindleistung für Kompensation von cos φ₁ auf cos φ₂

Q_C=Kompensationsleistung (kvar)P=Wirkleistung (kW)φ₁=Aktueller Phasenwinkelφ₂=Ziel-Phasenwinkel
KondensatorleistungQ_C = U² × ω × C

Blindleistung eines Kondensators

C=Kapazität (F)ω=2πf (rad/s)

Einführung

Viele elektrische Verbraucher benötigen neben der Wirkleistung auch Blindleistung – vor allem Motoren, Transformatoren und Leuchtstofflampen. Diese Blindleistung belastet das Netz und die Installation, ohne nutzbare Arbeit zu verrichten.

Die Blindleistungskompensation zielt darauf ab, den Leistungsfaktor (cos φ) zu verbessern und damit:

  • Energiekosten zu senken (Blindstrom-Zuschläge vermeiden)
  • Netzbelastung zu reduzieren
  • Kapazitäten der Anlage besser zu nutzen

Warum kompensieren?

Kosten ohne Kompensation

Energieversorger berechnen ab einem bestimmten Grenzwert Blindstrom-Zuschläge:

  • Typische Grenze: cos φ < 0,9 (industrieller Bereich)
  • Zuschlag: bis zu 15-20% auf die Energiekosten

Netzbelastung

Der Scheinleistung S muss vom Netz bereitgestellt werden:

S = P / cos φ

cos φFür P = 100 kWMehrbelastung
1,00S = 100 kVAReferenz
0,90S = 111 kVA+11%
0,80S = 125 kVA+25%
0,70S = 143 kVA+43%
0,60S = 167 kVA+67%

Diese Mehrbelastung bedeutet:

  • Größere Kabelquerschnitte nötig
  • Höhere Verluste (I²R)
  • Größere Transformatoren

Kompensationsarten

Einzelkompensation

Kondensator direkt am Verbraucher (z.B. Motor):

L1 ───┬────────┬───────┐
      │        │       │
L2 ───┼────────┼───────┤
      │        │       │
L3 ───┼────────┼───────┤
      │        │       │
      │    ┌───┴───┐   │
      │    │   C   │   │
      │    └───┬───┘   │
      │        │       │
      └────────┴──[ M ]┘
                  3~

Vorteile:

  • Entlastung der gesamten Zuleitung
  • Kompensation exakt angepasst
  • Motor und Kondensator schalten gemeinsam

Nachteile:

  • Viele Kondensatoren nötig
  • Höhere Anschaffungskosten
  • Gefahr der Überkompensation bei Teillast

Gruppenkompensation

Kondensator für eine Gruppe von Verbrauchern (z.B. Unterverteiler):

Vorteile:

  • Wirtschaftlicher als Einzelkompensation
  • Gute Entlastung der Zuleitung zum Verteiler

Nachteile:

  • Keine Entlastung innerhalb der Gruppe

Zentralkompensation

Kompensationsanlage am Hauptverteiler:

┌──────────────────────────────────────────────────────┐
│                    HAUPTVERTEILER                    │
├──────────────────────────────────────────────────────┤
│    ┌─────────────────────────────────────────┐       │
│    │      Kompensationsanlage (automatisch)   │       │
│    │  ┌────┬────┬────┬────┬────┬────┐        │       │
│    │  │ C1 │ C2 │ C3 │ C4 │ C5 │ C6 │        │       │
│    │  └────┴────┴────┴────┴────┴────┘        │       │
│    │        Blindleistungsregler              │       │
│    └─────────────────────────────────────────┘       │
│              │                                        │
│         Sammelschiene                                │
│    ┌─────────┼─────────┬─────────┬─────────┐        │
│    ↓         ↓         ↓         ↓         ↓        │
│  UV1       UV2       UV3       UV4       UV5        │
└──────────────────────────────────────────────────────┘

Vorteile:

  • Automatische Anpassung an den Bedarf
  • Wirtschaftlichste Lösung für größere Anlagen
  • Stufenweise Zuschaltung verhindert Überkompensation

Nachteile:

  • Keine Entlastung innerhalb der Anlage
  • Höherer technischer Aufwand

Berechnung der Kompensationsleistung

Grundformel

Q_C = P × (tan φ₁ - tan φ₂)

tan φ aus cos φ

tan φ = √(1 - cos²φ) / cos φ

Tabelle: Δtan φ für typische Kompensationen

cos φ₁ → cos φ₂tan φ₁tan φ₂Δtan φ
0,70 → 0,951,0200,3290,691
0,75 → 0,950,8820,3290,553
0,80 → 0,950,7500,3290,421
0,85 → 0,950,6200,3290,291
0,90 → 0,950,4840,3290,155
0,80 → 1,000,7500,0000,750
0,85 → 1,000,6200,0000,620

Verdrosselung

Problem: Netzrückwirkungen

Kondensatoren können mit der Netzinduktivität einen Schwingkreis bilden und Oberwellen verstärken. Bei vielen Frequenzumrichtern/LEDs ist dies problematisch.

Lösung: Verdrosselte Kondensatoren

Eine Drossel in Reihe zum Kondensator verschiebt die Resonanzfrequenz:

VerdrosselungResonanzfrequenzAnwendung
5,67%210 HzKaum Umrichter
7%189 HzStandard bei FU
14%134 HzHoher Umrichteranteil

Wann verdrosselte Kompensation?

  • Oberwellengehalt > 5%
  • Frequenzumrichter > 30% der Anlagenleistung
  • LED-Beleuchtung dominiert
  • Schweißmaschinen, Gleichrichter

Schritt-für-Schritt

  1. 1Aktuellen Leistungsfaktor ermitteln (Messung oder Stromrechnung)
  2. 2Wirkleistung der Anlage feststellen
  3. 3Ziel-cos φ festlegen (meist 0,95)
  4. 4Kompensationsleistung berechnen: Q_C = P × Δtan φ
  5. 5Kompensationsart wählen (Einzel, Gruppe, Zentral)
  6. 6Bei Oberwellen: Verdrosselung vorsehen
  7. 7Kondensatoranlage auswählen und installieren
  8. 8Funktion prüfen und dokumentieren

Praktische Beispiele

1

Zentralkompensation berechnen

Aufgabe

Eine Werkstatt hat P = 80 kW bei cos φ = 0,75. Ziel: cos φ = 0,95. Welche Kompensationsleistung?

Lösung

  1. 1tan φ₁ (cos φ = 0,75): tan φ₁ = 0,882
  2. 2tan φ₂ (cos φ = 0,95): tan φ₂ = 0,329
  3. 3Δtan φ = 0,882 - 0,329 = 0,553
  4. 4Q_C = P × Δtan φ = 80 × 0,553 = 44,2 kvar
  5. 5Gewählt: Kompensationsanlage 50 kvar (Stufen)

Erforderlich: ca. 45 kvar. Anlage mit 50 kvar in 5 × 10 kvar Stufen.

2

Einzelkompensation Motor

Aufgabe

Ein 15 kW Motor hat cos φ = 0,82. Direkte Kompensation auf cos φ = 0,95.

Lösung

  1. 1tan φ₁ = 0,698, tan φ₂ = 0,329
  2. 2Δtan φ = 0,698 - 0,329 = 0,369
  3. 3Q_C = 15 × 0,369 = 5,5 kvar
  4. 4Standardkondensator: 5 oder 6 kvar
  5. 5Wichtig: Bei Teillast nicht überkompensieren!

5-6 kvar Motorkondensator, geschaltet mit Motor-Schütz.

Normative Grundlagen

DIN VDE 0560: Kondensatoren für Leistungsfaktorkorrektur

DIN EN 61642: Industrielle Wechselstromnetze mit Oberschwingungen

TAB (Netzanschlussregeln): Grenzwerte für cos φ beim Netzbetreiber

Wichtige Festlegungen:

  • Mindest-cos φ meist 0,90 gefordert
  • Überkompensation (cos φ > 1, kapazitiv) vermeiden
  • Entladewiderstände für Kondensatoren vorgeschrieben

⚠️Häufige Fehler vermeiden

  • Überkompensation bei Teillast (Einzelkompensation ohne Schaltung)
  • Keine Verdrosselung trotz hohem Umrichteranteil → Resonanzprobleme
  • Kompensation nach Transformator hat keinen Einfluss auf EVU-Messung
  • Alte Kondensatoren nicht getauscht → Kapazitätsverlust
  • Schalthäufigkeit nicht beachtet → Schützlebensdauer

📋Zusammenfassung

Blindleistungskompensation:

Berechnung: Q_C = P × (tan φ₁ - tan φ₂)

Arten:

  • Einzelkompensation (am Verbraucher)
  • Gruppenkompensation (am Unterverteiler)
  • Zentralkompensation (am Hauptverteiler)

Verdrosselung: Bei Oberwellen (FU, LED)

  • 7% Standard bei vielen Umrichtern
  • 14% bei hohem Oberwellenanteil

Ziel: cos φ = 0,95 (typisch)

Häufig gestellte Fragen

Bei kleinen Betrieben (< 30 kW) ist der absolute Blindstrom-Zuschlag gering. Die Amortisation einer Zentralkompensation dauert dann lange. Einzelkompensation bei großen Maschinen kann sich aber lohnen. Prüfen Sie Ihre Stromrechnung: Wenn dort "Blindstrom" oder "reactive power" berechnet wird, lohnt sich eine genauere Betrachtung.

kVA ist die Scheinleistung (Gesamt), kvar ist die Blindleistung (reaktiv). Kondensatoren liefern kapazitive Blindleistung und werden in kvar angegeben. kW + kvar = kVA (vektoriell, nicht arithmetisch: S² = P² + Q²).

Ja! Überkompensation bedeutet cos φ > 1 (kapazitiv). Dies kann zu Spannungserhöhung und Problemen mit der Netzstabilität führen. Automatische Kompensationsanlagen schalten Stufen ab, wenn der Bedarf sinkt. Bei Einzelkompensation sollte der Kondensator kleiner gewählt werden als berechnet.

BlindleistungKompensationcos φLeistungsfaktorkvarVerdrosselung