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Drehstrom verstehen

Einführung in den Dreiphasenwechselstrom: Aufbau, Berechnungen, praktische Anwendung und Vorteile gegenüber Einphasenwechselstrom.

📖 12 Min. Lesezeit📅 Aktualisiert: 2026-02-04

Formelübersicht

Leistung im DrehstromsystemP = √3 × U × I × cos φ

Wirkleistung bei symmetrischer Belastung

P=Wirkleistung in Watt (W)U=Verkettete Spannung (400 V)I=Leiterstrom in Amperecos φ=Leistungsfaktor
Verkettete und StrangspannungU_L = √3 × U_S

Beziehung zwischen verketteter und Strangspannung

U_L=Verkettete Spannung (400 V)U_S=Strangspannung (230 V)
Stern- und DreieckschaltungI_L = I_S (Stern) | I_L = √3 × I_S (Dreieck)

Strombeziehungen in den Schaltungen

I_L=LeiterstromI_S=Strangstrom

Einführung

Drehstrom (auch Dreiphasenwechselstrom oder Kraftstrom genannt) ist das Rückgrat der elektrischen Energieversorgung. In fast allen Ländern wird die elektrische Energie als Drehstrom erzeugt, übertragen und verteilt.

Im Haushalt steht Drehstrom am Hausanschluss zur Verfügung (400 V zwischen den Außenleitern, 230 V zwischen Außenleiter und Neutralleiter). Für Elektrofachkräfte ist das Verständnis von Drehstromsystemen unverzichtbar – von der Dimensionierung von E-Herden bis zur Installation von Ladestationen.

Was ist Drehstrom?

Drehstrom besteht aus drei Wechselspannungen gleicher Frequenz (50 Hz), die um jeweils 120° gegeneinander phasenverschoben sind. Diese drei Phasen werden als L1, L2 und L3 bezeichnet (früher: R, S, T).

Die zwei Spannungsebenen

Strangspannung (U_S = 230 V)

Die Spannung zwischen einem Außenleiter und dem Neutralleiter. Dies ist die normale Haushaltsspannung, die an jeder Steckdose anliegt.

Verkettete Spannung (U_L = 400 V)

Die Spannung zwischen zwei Außenleitern. Diese höhere Spannung wird für leistungsstarke Verbraucher wie E-Herde, Durchlauferhitzer und Motoren verwendet.

Beziehung: U_L = √3 × U_S = 1,732 × 230 V ≈ 400 V

Schaltungsarten

Sternschaltung (Y)

Die Stränge des Verbrauchers sind zwischen Außenleiter und Sternpunkt geschaltet.

  • U_Strang = U_L / √3 = 230 V
  • I_L = I_S (Außenstrom = Strangstrom)
  • Benötigt N-Leiter bei unsymmetrischer Last

Dreieckschaltung (Δ)

Die Stränge des Verbrauchers sind direkt zwischen je zwei Außenleitern geschaltet.

  • U_Strang = U_L = 400 V
  • I_L = √3 × I_S (Außenstrom = √3 × Strangstrom)
  • Kein N-Leiter erforderlich

Das Zeigerdiagramm

Die drei Phasenspannungen lassen sich als rotierende Zeiger darstellen, die mit 50 Umdrehungen pro Sekunde (50 Hz) rotieren:

     L1 (0°)
        ↑
       /|
      / |
     /  |
    ←---+---→  L2 (120°)
        |
        |
        ↓
     L3 (240°)

Vorteile des Drehstroms

  1. Höhere Übertragungseffizienz: Mit drei Leitern kann mehr Leistung übertragen werden als mit zwei
  2. Konstante Momentanleistung: Die Summe der drei Phasenleistungen ist konstant (keine Pulsation)
  3. Selbstanlaufende Motoren: Drehstrommotoren erzeugen ein rotierendes Magnetfeld
  4. Wirtschaftlicher: Weniger Kupfer für gleiche Leistung als bei Einphasensystem

Schritt-für-Schritt

  1. 1Bestimmen Sie die Anschlussart (Stern oder Dreieck)
  2. 2Identifizieren Sie die bekannten Größen (U_L, U_S, P, I)
  3. 3Wählen Sie die passende Formel
  4. 4Beachten Sie den Faktor √3 = 1,732
  5. 5Setzen Sie die Werte ein und berechnen
  6. 6Prüfen Sie die Plausibilität des Ergebnisses

Praktische Beispiele

1

Strom eines E-Herds berechnen

Aufgabe

Ein E-Herd hat 9 kW Anschlussleistung bei 400 V Drehstrom. Welcher Strom fließt?

Lösung

  1. 1Gegeben: P = 9000 W, U = 400 V, cos φ ≈ 1 (ohmsche Last)
  2. 2Gesucht: I
  3. 3Formel: P = √3 × U × I × cos φ → I = P / (√3 × U × cos φ)
  4. 4Einsetzen: I = 9000 / (1,732 × 400 × 1)
  5. 5I = 9000 / 692,8 = 13 A

Der E-Herd benötigt etwa 13 A pro Außenleiter.

2

Motor-Leistungsaufnahme

Aufgabe

Ein Drehstrommotor nimmt 16 A bei 400 V auf und hat cos φ = 0,85. Welche Leistung?

Lösung

  1. 1Gegeben: I = 16 A, U = 400 V, cos φ = 0,85
  2. 2Gesucht: Wirkleistung P
  3. 3Formel: P = √3 × U × I × cos φ
  4. 4Einsetzen: P = 1,732 × 400 × 16 × 0,85
  5. 5P = 9425 W ≈ 9,4 kW

Der Motor nimmt etwa 9,4 kW Wirkleistung auf.

3

Absicherung einer Wallbox

Aufgabe

Eine 11 kW Wallbox soll installiert werden. Welche Absicherung ist erforderlich?

Lösung

  1. 1Gegeben: P = 11000 W, U = 400 V, cos φ = 1 (Elektronik korrigiert)
  2. 2Gesucht: Absicherung
  3. 3Strom: I = P / (√3 × U) = 11000 / (1,732 × 400) = 15,9 A
  4. 4Nächste Normabsicherung: 16 A
  5. 5Empfehlung: 20 A für Reserve und Anlaufströme

Die Wallbox sollte mit mindestens 16 A, besser 20 A abgesichert werden.

Normative Grundlagen

DIN VDE 0100-520: Kabel- und Leitungsanlagen für Drehstromanschlüsse DIN VDE 0100-530: Schalt- und Steuergeräte DIN 18015-1: Mindestausstattung für Drehstromanschlüsse in Wohngebäuden

Typische Drehstromanschlüsse nach DIN 18015:

  • E-Herd/Backofen: 6 mm² NYM-J 5×
  • Durchlauferhitzer: 6-10 mm²
  • Wallbox: 2,5-6 mm² je nach Leistung

⚠️Häufige Fehler vermeiden

  • √3 vergessen – Die Drehstromleistung ist √3-mal höher als drei Einzelleistungen
  • Stern und Dreieck verwechseln – führt zu falschen Spannungs- und Stromwerten
  • Verkettete und Strangspannung durcheinanderbringen
  • Neutralleiter bei symmetrischer Last unterschätzen – bei Oberwellen trotzdem belastet
  • Phasenfolge bei Motoren ignorieren – falsche Drehrichtung!

📋Zusammenfassung

Drehstrom ist ein System aus drei um 120° versetzten Wechselspannungen.

Kernformeln:

  • Leistung: P = √3 × U × I × cos φ
  • Spannungen: U_L = √3 × U_S = 400 V, U_S = 230 V

Schaltungsarten:

  • Stern (Y): U_Strang = 230 V, I_L = I_S, N-Leiter bei unsymm. Last
  • Dreieck (Δ): U_Strang = 400 V, I_L = √3 × I_S, kein N-Leiter nötig

Drehstrom ermöglicht effiziente Energieübertragung und selbstanlaufende Motoren.

Häufig gestellte Fragen

Der Begriff "Kraftstrom" stammt aus der Zeit, als Drehstrom hauptsächlich für Kraftmaschinen (Motoren) verwendet wurde. Heute ist die Bezeichnung technisch veraltet, wird aber im Volksmund noch verwendet. Korrekt ist "Drehstrom" oder "Dreiphasenwechselstrom".

Bei symmetrischer Belastung (alle drei Phasen gleichmäßig belastet, z.B. Drehstrommotor) ist kein Neutralleiter erforderlich, da sich die Ströme im Sternpunkt aufheben. Bei unsymmetrischer Belastung (E-Herd mit unterschiedlichen Kochstellen) muss der Neutralleiter den Ausgleichsstrom führen.

Bei Drehstrommotoren dreht sich die Drehrichtung um. Bei elektronischen Geräten kann dies zu Fehlfunktionen oder Schäden führen. Die Phasenfolge kann mit einem Drehfeldmessgerät geprüft oder durch Tauschen zweier Außenleiter korrigiert werden.

Drehstromanschlüsse sind an roten CEE-Steckern (16 A, 32 A, 63 A etc.) erkennbar. Am Verteiler erkennt man Drehstromkreise an 3-poligen oder 4-poligen Sicherungen. Die Leitungsbezeichnung enthält "5×" (z.B. NYM-J 5×2,5) für 5-adrige Kabel.

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