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Elektrische Sicherheit

Grundlagen der elektrischen Sicherheit: Gefährdungen, Schutzmaßnahmen und sichere Arbeitspraktiken nach VDE.

📖 10 Min. Lesezeit📅 Aktualisiert: 2026-02-04

Formelübersicht

KörperstromI_K = U_B / R_K

Strom durch den menschlichen Körper

I_K=Körperstrom in mAU_B=Berührungsspannung in VR_K=Körperwiderstand (≈1000 Ω)

Einführung

Elektrischer Strom kann lebensgefährlich sein. Jedes Jahr ereignen sich in Deutschland etwa 30-50 tödliche Stromunfälle. Das Verständnis der Gefahren und der Schutzmaßnahmen ist für jeden, der mit Elektrizität arbeitet, überlebenswichtig.

In diesem Ratgeber lernen Sie die physiologischen Wirkungen des elektrischen Stroms kennen und verstehen, wie die verschiedenen Schutzmaßnahmen nach VDE Leben retten.

Physiologische Wirkungen des elektrischen Stroms

Der menschliche Körper reagiert auf elektrischen Strom in Abhängigkeit von:

  • Stromstärke (mA)
  • Einwirkdauer
  • Stromweg (Hand-Hand, Hand-Fuß)
  • Stromart (AC gefährlicher als DC)

Wirkungen bei verschiedenen Stromstärken (50 Hz AC)

StromstärkeWirkung
0,5 mAWahrnehmungsschwelle (Kribbeln)
10-15 mALoslassschwelle (Muskeln verkrampfen)
30 mAAtemlähmung möglich
50 mAHerzkammerflimmern möglich
100+ mAHerzkammerflimmern wahrscheinlich, Herzstillstand

Besonders gefährlich: Der Bereich 30-100 mA bei einer Einwirkdauer über 0,5 Sekunden. Hier liegt die Wahrscheinlichkeit für Herzkammerflimmern bei über 50%.

Der Körperwiderstand

Der Körperwiderstand hängt stark von den Bedingungen ab:

  • Trockene Haut: 2.000-10.000 Ω
  • Feuchte Haut: 500-1.000 Ω
  • Nasse Haut: 200-500 Ω
  • Verletzte Haut: < 200 Ω

Normwert für Berechnungen: 1.000 Ω (nach IEC/DIN VDE)

Berührungsspannung

Die Berührungsspannung ist die Spannung, die bei einem Fehler zwischen berührbaren Teilen und Erde auftreten kann.

Zulässige Grenzwerte:

  • Normal: U_B ≤ 50 V AC / 120 V DC
  • Besondere Bereiche (nass, medizinisch): U_B ≤ 25 V AC
  • Erhöhte Gefährdung: U_B ≤ 12 V AC (SELV)

Die 5 Sicherheitsregeln

Jede Arbeit an elektrischen Anlagen erfordert das konsequente Einhalten der 5 Sicherheitsregeln:

  1. Freischalten – Anlage vom Netz trennen
  2. Gegen Wiedereinschalten sichern – Schloss, Schild, Sicherungen entnehmen
  3. Spannungsfreiheit feststellen – Mit geeignetem Messgerät prüfen
  4. Erden und Kurzschließen – Bei Hochspannung obligatorisch
  5. Benachbarte, unter Spannung stehende Teile abdecken oder abschranken

Schritt-für-Schritt

  1. 1Gefährdungsbeurteilung vor der Arbeit durchführen
  2. 2Die 5 Sicherheitsregeln konsequent anwenden
  3. 3Geeignete persönliche Schutzausrüstung (PSA) verwenden
  4. 4Allpolig freischalten und Spannungsfreiheit prüfen
  5. 5Bei Unsicherheit: STOP – Fachkraft hinzuziehen
  6. 6Nach der Arbeit: Anlage ordnungsgemäß übergeben

Praktische Beispiele

1

Körperstrom berechnen

Aufgabe

Eine Person berührt bei einem Isolationsfehler ein Gehäuse mit 230 V gegen Erde. Welcher Körperstrom fließt bei nassem Körper (500 Ω)?

Lösung

  1. 1Gegeben: U = 230 V, R_K = 500 Ω (nasser Körper)
  2. 2Gesucht: Körperstrom I_K
  3. 3Formel: I_K = U / R_K
  4. 4Einsetzen: I_K = 230 V / 500 Ω
  5. 5I_K = 0,46 A = 460 mA

460 mA – Akut lebensbedrohlich! Sofortiger Herzstillstand möglich.

2

RCD-Schutz verstehen

Aufgabe

Warum schützt ein 30 mA FI-Schutzschalter zuverlässig vor tödlichem Stromschlag?

Lösung

  1. 1Der RCD (FI) erkennt Fehlerströme über 30 mA
  2. 2Auslösung erfolgt innerhalb von 30 ms
  3. 3Zeit-Strom-Diagramm: Bei 30 mA und 30 ms liegt die Wahrscheinlichkeit für Herzkammerflimmern unter 1%
  4. 4Der kritische Bereich (>50 mA, >0,5s) wird nie erreicht
  5. 5Deshalb schreibt die VDE FI-Schutz für viele Bereiche vor

Der 30 mA RCD schaltet ab, bevor gefährliche Körperströme erreicht werden.

Normative Grundlagen

DIN VDE 0100-410: Schutz gegen elektrischen Schlag – die zentrale Norm für Schutzmaßnahmen DIN VDE 0105-100: Betrieb von elektrischen Anlagen – enthält die 5 Sicherheitsregeln DIN EN 50110-1: Betrieb von elektrischen Anlagen (europäische Norm) DIN VDE 0680: Elektrische Sicherheit bei Arbeiten DGUV Vorschrift 3: Unfallverhütungsvorschrift Elektrische Anlagen und Betriebsmittel

⚠️Häufige Fehler vermeiden

  • Spannungsfreiheit nicht prüfen – "Ich hab doch abgeschaltet" reicht nicht!
  • Nur einpolig freischalten – Neutralleiter kann unter Spannung stehen
  • Sicherungen nur ausschalten, nicht entnehmen – können wieder eingeschaltet werden
  • Arbeiten unter Spannung ohne Qualifikation und besondere Schutzmaßnahmen
  • PSA vernachlässigen – auch bei vermeintlich kleinen Arbeiten

📋Zusammenfassung

Elektrischer Strom ist ab etwa 30 mA lebensbedrohlich.

Kernpunkte:

  • Stromstärke entscheidet über Gefährdung (nicht allein die Spannung)
  • Körperwiderstand sinkt dramatisch bei Feuchtigkeit
  • Die 5 Sicherheitsregeln sind bei jeder Arbeit einzuhalten
  • FI-Schutzschalter (30 mA) retten Leben

Merksatz: "Im Zweifel – Spannung aus!"

Häufig gestellte Fragen

Wechselstrom (50 Hz) kann Herzkammerflimmern besonders leicht auslösen, da die Frequenz im Bereich der Herzfrequenz liegt. Bei Gleichstrom tritt Herzkammerflimmern erst bei deutlich höheren Stromstärken auf. Zudem verkrampft bei AC die Muskulatur, was das Loslassen verhindert.

Nein. Der FI-Schalter ist eine zusätzliche Schutzmaßnahme (Fehlerschutz). Er ersetzt nicht den Basisschutz (Isolierung, Abdeckungen) und nicht die mechanische Schutzerdung (PE-Leiter). Die Sicherheit basiert auf dem Zusammenspiel mehrerer Maßnahmen.

Nein. Das Arbeiten an elektrischen Anlagen ist in Deutschland nur Elektrofachkräften oder elektrotechnisch unterwiesenen Personen unter Aufsicht erlaubt. Laien dürfen nur Glühlampen wechseln und bewegliche Geräte anschließen. Verstöße können zu Versicherungsverlust und Strafverfolgung führen.

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