Aufbau, Kenngrößen, Bauformen und Anwendungen von Induktivitäten – von der Drossel bis zum Transformator.
11 Min. LesezeitAktualisiert: 04.02.2026
Formelübersicht
InduktivitätL = N² × µ₀ × µᵣ × A / l
Abhängig von Windungszahl, Kernmaterial und Geometrie
L=Induktivität in Henry (H)N=Windungszahlµ₀=Feldkonstante (4π × 10⁻⁷ H/m)µᵣ=Relative Permeabilität des KernsA=Querschnittsfläche in m²l=Magnetische Weglänge in m
Induktiver BlindwiderstandX_L = 2πfL = ωL
Widerstand einer Spule bei Wechselstrom
X_L=Blindwiderstand in Ohm (Ω)f=Frequenz in Hertz (Hz)L=Induktivität in Henry (H)
Gespeicherte EnergieW = ½ × L × I²
Im magnetischen Feld gespeicherte Energie
W=Energie in Joule (J)I=Strom in Ampere (A)
InduktionsspannungU = -L × dI/dt
Selbstinduktion bei Stromänderung
Einführung
Die Spule (Induktivität) ist neben dem Widerstand und dem Kondensator das dritte passive Grundbauelement der Elektrotechnik. Sie speichert Energie in einem magnetischen Feld und spielt eine zentrale Rolle in Transformatoren, Motoren, Drosseln und Filtern.
Das Verhalten der Spule ist in gewisser Weise das „Gegenteil" des Kondensators: Während der Kondensator bei Gleichstrom sperrt und bei hohen Frequenzen durchlässt, sperrt die Spule hohe Frequenzen und lässt Gleichstrom durch.
Aufbau und Funktionsprinzip
Eine Spule besteht aus einem Draht, der zu Windungen geformt ist. Beim Stromfluss entsteht ein Magnetfeld:
Selbstinduktion: Eine Stromänderung erzeugt eine Gegen-Spannung:
U = -L × dI/dt
Das Minuszeichen bedeutet: Die Spule „wehrt sich" gegen Stromänderungen.
Einheit und Größenordnungen
Die Einheit der Induktivität ist Henry (H), benannt nach Joseph Henry.
Einheit
Abkürzung
Faktor
Typische Anwendung
Nanohenry
nH
10⁻⁹ H
HF-Schaltungen, EMV-Filter
Mikrohenry
µH
10⁻⁶ H
Schaltregler, Entstörung
Millihenry
mH
10⁻³ H
Netzfilter, Drosseln
Henry
H
1 H
Große Drosseln, Relais
Verhalten bei Gleichstrom
Bei konstanter Gleichspannung:
Beim Einschalten steigt der Strom langsam an (magnetischer Feldaufbau)
Im eingeschwungenen Zustand: Die Spule verhält sich wie ein Kurzschluss (nur ohmscher Drahtwiderstand)
Beim Abschalten: Hohe Induktionsspannung kann entstehen (Funkenlöschung nötig!)
Zeitkonstante: τ = L / R
Nach 5τ hat der Strom 99,3% des Endwertes erreicht.
Verhalten bei Wechselstrom
Bei Wechselstrom wirkt die Spule als frequenzabhängiger Widerstand:
X_L = 2πfL = ωL
Eigenschaften:
Spannung eilt dem Strom um 90° voraus (induktiv)
Je höher die Frequenz, desto größer der Blindwiderstand
Je größer die Induktivität, desto größer der Blindwiderstand
Die Spule wirkt wie ein Tiefpass: Hohe Frequenzen werden gesperrt, niedrige Frequenzen durchgelassen.
Schaltungen
Reihenschaltung
Die Gesamtinduktivität addiert sich (wie bei Widerständen):
L_ges = L₁ + L₂ + L₃ + ...
Parallelschaltung
Die Gesamtinduktivität verringert sich:
1/L_ges = 1/L₁ + 1/L₂ + 1/L₃ + ...
Achtung: Bei magnetischer Kopplung zwischen Spulen ändert sich die Berechnung!
Vergleich: Spule vs. Kondensator
Eigenschaft
Spule (L)
Kondensator (C)
Speichert
Magnetische Energie
Elektrische Energie
Energie
W = ½LI²
W = ½CU²
Bei DC
Kurzschluss (nach Einschwingen)
Unterbrechung
Blindwiderstand
X_L = ωL (steigt mit f)
X_C = 1/(ωC) (sinkt mit f)
Phasenverschiebung
U vor I (90°)
I vor U (90°)
Wirkung
Tiefpass
Hochpass
Wichtige Bauformen
Luftspulen
Induktivität: klein (nH bis µH)
Vorteile: Keine Sättigung, keine Verluste im Kern
Anwendung: HF-Technik, Antennen
Eisenkernspulen
Induktivität: groß (mH bis H)
Kern: Transformatorblech (geschichtet gegen Wirbelströme)
✗Kupferverluste bei hohem DC-Strom unterschätzt → Überhitzung
Zusammenfassung
Spulen-Grundlagen:
Selbstinduktion: U = -L × dI/dt (Spule wehrt sich gegen Stromänderung)
Blindwiderstand: X_L = 2πfL
Spannung eilt 90° voraus (induktiv)
Je höher f oder L, desto größer X_L
Schaltungen:
Reihe: L_ges = L₁ + L₂ (Induktivität addiert)
Parallel: 1/L_ges = 1/L₁ + 1/L₂
Energie: W = ½ × L × I²
Wichtig: Freilaufdiode bei induktiven Lasten!
Häufig gestellte Fragen
Beim Abschalten einer Spule bricht der Strom plötzlich ab. Nach U = -L × dI/dt entsteht eine hohe Induktionsspannung. Diese kann Halbleiter zerstören oder Funken verursachen. Die Freilaufdiode leitet den Strom ab und begrenzt die Spannung auf ca. 0,7 V.
Das Kernmaterial (Ferrit, Eisen) kann nur eine begrenzte magnetische Flussdichte tragen. Bei zu hohem Strom wird der Kern „gesättigt" – die relative Permeabilität sinkt, und die Induktivität bricht ein. In Schaltnetzteilen führt das zu erhöhtem Ripple-Strom und möglicher Zerstörung.
Ein wechselndes Magnetfeld induziert Wirbelströme im leitfähigen Kern. Diese verursachen Verluste und Erwärmung. Durch dünne, gegeneinander isolierte Bleche (Transformatorblech) werden die Wirbelströme unterbrochen und die Verluste reduziert.
Ferrit hat hohen elektrischen Widerstand (wenig Wirbelströme) und eignet sich für höhere Frequenzen (kHz bis MHz). Eisenblech hat höhere Permeabilität und eignet sich für Netzfrequenz (50/60 Hz). Für Schaltnetzteile meist Ferrit, für Netzdrosseln und Trafos Eisenblech.