Ein Kurzschluss ist die direkte Verbindung zwischen zwei Leitern unterschiedlichen Potentials ohne nennenswerten Widerstand. Die entstehenden Ströme können das Hundertfache des Nennstroms erreichen und verursachen ohne Schutz innerhalb von Millisekunden Leitungsschäden und Brände.
Der Kurzschlussschutz hat zwei Hauptaufgaben:
Personen schützen (schnelle Abschaltung bei Körperschluss)
Anlage schützen (thermische Belastung der Leitung begrenzen)
Arten von Kurzschlüssen
Art
Beschreibung
Strom
L-N Kurzschluss
Außenleiter gegen Neutralleiter
Einphasig, hoch
L-L Kurzschluss
Außenleiter gegen Außenleiter
Zweiphasig, höher
L1-L2-L3 Kurzschluss
Dreipoliger Kurzschluss
Höchster Strom (symmetrisch)
L-PE Kurzschluss
Außenleiter gegen Schutzleiter
Körperschluss, gefährlich
Kenngrößen
I_k'' (Anfangs-Kurzschlusswechselstrom)
Der Effektivwert des Kurzschlussstroms im ersten Moment. Dieser Wert ist maßgebend für die mechanische Belastung und die Bemessung von Schutzgeräten.
I_k (Dauerkurzschlussstrom)
Der stationäre Kurzschlussstrom nach Abklingen aller Einschwingvorgänge.
i_p (Stoßkurzschlussstrom)
Der Scheitelwert des Kurzschlussstroms in der ersten Halbwelle. Enthält einen Gleichstromanteil und ist etwa 1,8 × √2 × I_k''.
Berechnung des Kurzschlussstroms
Einfache Methode (für Hausinstallationen)
I_k = U_0 / Z_s
U_0 = Netzspannung gegen Erde (230 V)
Z_s = Schleifenimpedanz (L-PE oder L-N)
Schleifenimpedanz
Z_s setzt sich zusammen aus:
Z_Netz: Impedanz des vorgelagerten Netzes (Trafo, Zuleitung)
Z_Leitung: Impedanz der Installation (L + N oder L + PE)
Z_s = Z_Netz + Z_Leitung
Z_Leitung ≈ 2 × L × ρ / A (vereinfacht, nur ohmsch)
Mit ρ_Cu = 0,0175 Ω·mm²/m
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Typische Kurzschlussströme
Ort
Z_s typisch
I_k (bei 230 V)
Hausanschlusskasten
0,1-0,4 Ω
575-2300 A
Zähler
0,2-0,5 Ω
460-1150 A
Unterverteiler
0,3-0,8 Ω
290-770 A
Steckdose (15m)
0,5-1,5 Ω
150-460 A
Steckdose (30m)
0,8-2,5 Ω
90-290 A
Abschaltbedingungen
Maximale Abschaltzeit (VDE 0100-410)
Netzspannung
Max. Abschaltzeit
120 V AC
0,8 s
230 V AC
0,4 s
400 V AC
0,2 s
> 400 V AC
0,1 s
Maximale Schleifenimpedanz
Damit der LS oder die Sicherung schnell genug auslöst:
Z_s ≤ U_0 / (I_a × 1,5)
Schutzorgan
I_a (Auslösestrom)
Z_s max (230 V)
LS B 16A
5 × 16 = 80 A
1,92 Ω
LS B 20A
5 × 20 = 100 A
1,53 Ω
LS C 16A
10 × 16 = 160 A
0,96 Ω
LS C 25A
10 × 25 = 250 A
0,61 Ω
Sicherung 16A gG
90 A (0,4s)
1,70 Ω
Sicherung 25A gG
135 A (0,4s)
1,13 Ω
Der Faktor 1,5 berücksichtigt: Leitungserwärmung, Netzspannungsschwankungen, Messtoleranz.
Thermische Kurzschlussfestigkeit
Die Leitung muss den Kurzschlussstrom bis zur Abschaltung aushalten ohne Schaden zu nehmen:
I²t ≤ k²S²
Material
k-Faktor
Kupfer, PVC-isoliert
115
Kupfer, VPE-isoliert
143
Aluminium, PVC-isoliert
76
Aluminium, VPE-isoliert
94
Maximaler Kurzschlussstrom (Dauerhaft)
Querschnitt (Cu/PVC)
k²S²
√(I²t) max
1,5 mm²
29.756
172 kA²s
2,5 mm²
82.656
288 kA²s
4 mm²
211.600
460 kA²s
6 mm²
476.100
690 kA²s
10 mm²
1.322.500
1.150 kA²s
Back-up-Schutz
Wenn der Kurzschlussstrom höher ist als das Schaltvermögen des LS, übernimmt eine vorgelagerte Sicherung den Schutz:
Sicherung vor LS: Sicherung begrenzt den Strom
Selektivität: Sicherung muss träger sein als LS
Koordinationstabellen: Herstellerangaben beachten
Schritt-für-Schritt
1Schleifenimpedanz am HAK/Zähler ermitteln (Messung oder EVU-Angabe)
2Querschnitt und Länge der Leitung festlegen
3Schleifenimpedanz am Endpunkt berechnen: Z_s = Z_Netz + Z_Leitung
7Bei Überschreitung: Querschnitt erhöhen oder Schutz anpassen
8Dokumentation erstellen (Prüfwerte)
Praktische Beispiele
1
Abschaltbedingung prüfen
Aufgabe
Eine Steckdose ist über 25 m NYM-J 3×2,5 mm² angeschlossen. Z_Netz = 0,35 Ω. LS B 16A. Ist die Abschaltbedingung erfüllt?
Lösung
1Z_Leitung = 2 × L × ρ / A = 2 × 25 × 0,0175 / 2,5 = 0,35 Ω
2Z_s = Z_Netz + Z_Leitung = 0,35 + 0,35 = 0,70 Ω
3I_k = 230 / 0,70 = 329 A
4LS B 16A: I_a = 5 × 16 = 80 A
5Z_s max = 230 / (80 × 1,5) = 1,92 Ω
60,70 Ω < 1,92 Ω ✓
Abschaltbedingung erfüllt. Kurzschlussstrom 329 A reicht für schnelle Auslösung.
2
Kritische Leitungslänge
Aufgabe
Bis zu welcher Leitungslänge ist ein LS C 16A bei 4 mm² Cu und Z_Netz = 0,4 Ω einsetzbar?
Lösung
1LS C 16A: I_a = 10 × 16 = 160 A
2Z_s max = 230 / (160 × 1,5) = 0,96 Ω
3Z_Leitung max = Z_s max - Z_Netz = 0,96 - 0,4 = 0,56 Ω
4L_max = Z_Leitung × A / (2 × ρ)
5L_max = 0,56 × 4 / (2 × 0,0175) = 64 m
Maximale Leitungslänge: 64 m. Danach: Querschnitt erhöhen oder LS B wählen.
Normative Grundlagen
DIN VDE 0100-410: Schutz gegen elektrischen Schlag
DIN VDE 0100-430: Schutz von Leitungen bei Überstrom
DIN EN 60909: Kurzschlussströme in Drehstromnetzen
Wichtige Festlegungen:
Abschaltzeit: max. 0,4 s bei 230 V (TN-System)
Sicherheitsfaktor 1,5 für Z_s-Berechnung
I²t-Grenzwerte für thermischen Schutz
Häufige Fehler vermeiden
✗Z_Netz nicht gemessen, sondern geschätzt → zu optimistische Werte
✗Nur Hinweg gerechnet, nicht Hin- und Rückleitung (Faktor 2 vergessen)
✗LS Charakteristik C bei langer Leitung gewählt → Abschaltbedingung nicht erfüllt
✗Nur kleinsten Kurzschlussstrom geprüft, nicht thermische Festigkeit
✗Alte Sicherungen mit unbekannten Kennlinien verwendet
Zusammenfassung
Kurzschlussschutz – Zusammenfassung:
Kurzschlussstrom: I_k = U / Z_s
Abschaltbedingung (230 V, TN):
Max. 0,4 s Abschaltzeit
Z_s ≤ U_0 / (I_a × 1,5)
Z_s max (bei 230 V):
LS B 16A: 1,92 Ω
LS C 16A: 0,96 Ω
Thermischer Schutz: I²t ≤ k²S²
Cu/PVC: k = 115
Häufig gestellte Fragen
Bei einem Körperschluss (L-PE) könnte die Schutzeinrichtung nicht schnell genug auslösen. Die Person steht dann unter Spannung, bis der Fehler erkannt wird. Lösungen: Querschnitt erhöhen (senkt Z_s), größere Schutzeinrichtung (erhöht Z_s max), RCD als zusätzlichen Schutz. Ein RCD 30 mA löst unabhängig von Z_s bei Fehlerströmen > 30 mA aus.
Messen Sie die Schleifenimpedanz am Hausanschlusskasten mit einem Installationstester. Alternativ gibt der Netzbetreiber auf Anfrage die Netzimpedanz an (Z_EVU). In Neubauten liegt Z_Netz typisch bei 0,2-0,5 Ω, in abgelegenen Gebieten oder bei langen Hausanschlussleitungen auch höher.
Der Faktor berücksichtigt: 1) Erwärmung der Leitung bei Kurzschluss (Widerstand steigt), 2) Netzspannungsschwankungen (-10%), 3) Messtoleranz des Prüfgeräts. Zusammen ergibt sich ein Sicherheitspuffer, damit die Abschaltung auch unter ungünstigen Bedingungen gewährleistet ist.