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Selektivität in der Anlagenplanung

Selektive Staffelung von Schutzorganen – Grundlagen, Methoden und praktische Umsetzung.

14 Min. LesezeitAktualisiert: 04.02.2026

Einführung

Selektivität bedeutet, dass bei einem Fehler nur das dem Fehler am nächsten gelegene Schutzorgan auslöst, während alle vorgelagerten Schutzorgane unverändert bleiben. So wird nur der fehlerhafte Stromkreis abgeschaltet, der Rest der Anlage bleibt in Betrieb.

In kritischen Anwendungen (Industrie, Krankenhaus, Rechenzentrum) ist Selektivität ein Muss. Aber auch in normalen Installationen sollte Selektivität angestrebt werden.

Warum Selektivität?

Ohne Selektivität (nicht selektiv)

    HAK
     │
    SLS 63A ──────────── löst auch aus! ✗
     │
  Z-Zähler
     │
    LS B32 ──────────── löst auch aus! ✗
     │
    UV
     │
    LS B16 ──────────── löst aus ✓
     │
    ✗ FEHLER
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Problem: Gesamte Wohnung dunkel, obwohl nur ein Stromkreis fehlerhaft.

Mit Selektivität (voll selektiv)

    HAK
     │
    SLS 63A ──────────── bleibt AN ✓
     │
  Z-Zähler
     │
    LS B32 ──────────── bleibt AN ✓
     │
    UV
     │
    LS B16 ──────────── löst aus ✓
     │
    ✗ FEHLER
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Ergebnis: Nur der fehlerhafte Stromkreis wird abgeschaltet.

Selektivitätsarten

Stromselektivität

Gestaffelte Nennströme: Der vorgelagerte Schutzschalter hat einen höheren Nennstrom und löst daher später aus.

Bedingung: I_Nenn (vorgelagert) > I_Nenn (nachgelagert)

PositionSchutzorganSelektivität?
HAKSLS 63A✓
HVLS C32✓ (wenn Diff. groß genug)
UVLS B16Fehlerort

Problem: Bei hohen Kurzschlussströmen oft nicht ausreichend!

Zeitselektivität

Der vorgelagerte Schutzschalter hat eine längere Auslösezeit (Verzögerung).

Umsetzung:

  • Selektive Hauptsicherung (SLS)
  • Verzögertes Auslösen (Kennlinie E bei NH-Sicherungen)
  • Zeitgestaffelte RCDs

Energieselektivität (I²t-Selektivität)

Sicherungen mit Strombegrenzung: Die nachgelagerte Sicherung begrenzt die durchgelassene Energie so stark, dass die vorgelagerte nicht auslöst.

Typische Umsetzung:

  • NH-Sicherungen (strombegrenzend)
  • Koordinationstabellen der Hersteller

Zonenselektivität (ZSI)

Intelligente Kommunikation zwischen Schutzschaltern: Der dem Fehler nächstgelegene Schalter meldet den Fehler nach oben, die vorgelagerten verzögern daraufhin.

Einsatz: Große Industrieanlagen, kritische Infrastruktur

Selektivität bei LS-Schaltern

Back-up-Schutz (Teilselektivität)

NH-Sicherung 63A gG LS B16 Stromkreis 1 LS B16 Stromkreis 2

Die vorgelagerte Sicherung übernimmt bei hohen Kurzschlussströmen den Schutz (Back-up). Die Selektivität ist nur bis zu einem bestimmten Strom garantiert.

Kennlinien-Vergleich

KennlinieAuslösebereich (magnetisch)
B3-5 × I_N
C5-10 × I_N
D10-20 × I_N

Selektivitätsregel: Um selektiv zu sein, sollte die vorgelagerte Kennlinie "träger" sein:

NachgelagertVorgelagertSelektivität
BC oder DWahrscheinlich
CDMöglich
BBNur bei großem I_N-Unterschied

Selektivität bei RCDs

Zeitgestaffelte RCDs

TypAuslösezeitPosition
Typ A (Standard)< 300 msEndstromkreis
Typ S (selektiv)130-500 msVorgelagert (HV)
RCD 100mA Typ S ← verzögert RCD 30mA Typ A RCD 30mA Typ A ← schnell

Bedingungen für RCD-Selektivität

  1. Vorgelagerter RCD: Typ S (selektiv, verzögert)
  2. Nennfehlerstrom: Vorgelagert ≥ 3× nachgelagert
    • z.B. 100 mA (S) vor 30 mA (A)

Koordinationstabellen

Hersteller bieten Selektivitäts-Tabellen für ihre Produkte:

VorgelagertNachgelagertSelektiv bis
NH-00 63A gGLS B164,5 kA ✓
NH-00 63A gGLS C163,0 kA ✓
LS C32LS B161,2 kA (teilselektiv)
SLS 63A ELS B166,0 kA ✓

Immer Herstellertabellen prüfen!

Schritt-für-Schritt

  1. 1Maximal auftretenden Kurzschlussstrom ermitteln (I_k am HAK)
  2. 2Schutzorgane von oben nach unten festlegen
  3. 3Nennstromstaffelung prüfen (Faktor ≥ 1,6 empfohlen)
  4. 4Kennlinien abstimmen (träger nach vorne)
  5. 5Bei RCDs: Typ S für vorgelagerte Position
  6. 6Herstellertabellen für Selektivität prüfen
  7. 7Dokumentation: Selektivitätsnachweis erstellen
  8. 8Bei kritischen Anlagen: Vollselektivität sicherstellen

Praktische Beispiele

1

Wohnungsinstallation selektiv

Aufgabe

In einer Wohnung soll zwischen SLS und LS Selektivität hergestellt werden.

Lösung

  1. 1SLS 40A E-Charakteristik im HAK
  2. 2Wohnungs-HV: LS C25 (oder NH 35A gG)
  3. 3UV: LS B16 für Steckdosen, LS B10 für Licht
  4. 4I_k am HAK prüfen (z.B. 6 kA)
  5. 5Selektivitätstabelle: SLS 40A E / LS B16 = selektiv bis 6 kA ✓
  6. 6RCD: 40A Typ S vor RCDs in UV

SLS 40A E → LS B16: Vollselektiv bis 6 kA. RCD-Staffelung: 100mA S vor 30mA A.

2

Industrieanlage mit NH-Sicherungen

Aufgabe

Eine Industrieanlage (I_k = 25 kA) soll selektiv aufgebaut werden.

Lösung

  1. 1Einspeisung: NH-2 250A gG
  2. 2Hauptverteiler: NH-1 100A gG
  3. 3Unterverteiler: NH-00 63A gG
  4. 4Endstromkreise: LS C32 oder LS B16
  5. 5Selektivitätstabelle: NH-00 63A / LS C32 = selektiv bis 20 kA ✓
  6. 6I_k 25 kA > 20 kA: Nächst größere NH-Sicherung prüfen
  7. 7Evtl. NH-1 80A statt NH-00 63A für volle Selektivität

NH-Kaskade mit Selektivitätsnachweis. Teils Anpassung nötig für volle Selektivität.

Normative Grundlagen

DIN VDE 0100-530: Auswahl und Errichtung – Schalt- und Steuergeräte

DIN EN 60947: Niederspannungsschaltgeräte

DIN VDE 0636: Niederspannungssicherungen

Wichtige Festlegungen:

  • Selektivität nicht grundsätzlich gefordert
  • Bei kritischen Anlagen (Krankenhaus, etc.) Pflicht
  • Herstellertabellen sind verbindlich

Häufige Fehler vermeiden

  • ✗Gleiche Nennströme bei vor- und nachgelagerten Schutzorganen
  • ✗LS Kennlinie B vorgelagert, C nachgelagert (nicht selektiv)
  • ✗Standard-RCD vor selektivem RCD (beide lösen aus)
  • ✗Selektivitätsangaben nicht überprüft (Herstellertabelle)
  • ✗Back-up-Schutz mit Selektivität verwechselt

Zusammenfassung

Selektivität – Zusammenfassung:

Arten:

  • Stromselektivität: I_N-Staffelung
  • Zeitselektivität: Verzögerung
  • Energieselektivität: I²t-Begrenzung (Sicherungen)

Faustregeln:

  • Nennstrom-Faktor ≥ 1,6 je Stufe
  • Kennlinie vorgelagert "träger" (D vor C vor B)
  • RCD: Typ S vor Typ A

RCD-Selektivität:

  • Vorgelagert: Typ S
  • Nennfehlerstrom: 100 mA (S) vor 30 mA (A)

Praxis: Immer Herstellertabellen prüfen!

Häufig gestellte Fragen

Nein, die VDE 0100 fordert Selektivität nicht zwingend für normale Wohngebäude. Sie wird aber empfohlen und ist gute Praxis. In bestimmten Bereichen (z.B. Krankenhaus, Pflegeheim) ist Selektivität jedoch Pflicht nach den entsprechenden Normen (VDE 0100-710). Auch bei größeren Anlagen sollte sie aus praktischen Gründen angestrebt werden.

Back-up-Schutz bedeutet, dass ein vorgelagertes Schutzorgan (meist NH-Sicherung) den Schutz für hohe Kurzschlussströme übernimmt, die das nachgelagerte Gerät (z.B. LS-Schalter) nicht selbst abschalten könnte. Das ist NICHT dasselbe wie Selektivität – beim Back-up lösen beide Geräte aus, aber die Anlage ist geschützt.

Selektive RCDs sind mit "S" (selektiv) oder "kurzzeitverzögert" gekennzeichnet und haben ein S-Symbol auf dem Gehäuse. Die Auslösezeit liegt zwischen 130-500 ms (statt <300 ms bei Standard-RCDs). Sie werden typischerweise mit 100 mA oder höherem Nennfehlerstrom eingesetzt und vor 30 mA-RCDs geschaltet.

SelektivitätStaffelungNH-SicherungBack-up-SchutzRCD selektivKoordination

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